Rezension: Lese-/Rechtschreibstörung von Schulte-Körne und Galuschka

In der Reihe “Leitfaden der Kinder- und Jugendpsychiatrie” ist ein 187 Seiten starkes Buch mit dem Titel “Lese-/Rechtschreibstörung (LRS)” im Hogrefe Verlag erschienen, das sich an alle professionellen Helfer richtet, die mit Kindern mit Legasthenie arbeiten. Die Autoren sind Gerd Schulte-Körne und Katharina Galuschka. Interessant dabei ist, dass es sich nicht um einen Herausgeberband handelt, sondern die Autoren die Texte selbst verfasst haben und das – so viel vorab – merkt man dem Buch auch an.

Katharina Galuschka arbeitet seit mehreren Jahren als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie der Uni in München, bei der der Erstautor Klinikleiter ist. Schulte-Körne ist der führende Forscher im Bereich Legasthenie und inhaltlich sehr breit aufgestellt. So ist er nicht nur der Autor des Marburger Rechtschreibtrainings, sondern auch an der Entwicklung von Frühförderprogrammen oder PC-Trainingsprogrammen beteiligt. Als Kinder- und Jugendpsychiater ist für Schulte-Körne jedoch auch die emotionale Situation der Kinder wichtig. So forschte er auch im Bereich der Depression und weiterer relevanter psychischer Störungen, die auch bei Legasthenie begleitend oder als Reaktion auf die Schwierigkeiten im Lesen und Schreiben vorkommen. Nicht zuletzt durch den jahrelangen Klinikalltag mit Diagnostik und Therapie weist der Autor eine sehr große Praxiserfahrung auf. Diese Erfahrung fließt in das Buch mit ein und macht es auch für langjährige Lerntherapeuten zu einer relevanten und interessanten Lektüre.

Im ersten Kapitel, das die Überschrift “Stand der Forschung” trägt, gehen die Autoren kompakt auf die beiden Klassifikationssysteme ein und diskutieren die Unterschiede. So auch im Unterkapitel Prävalenz, wo kurz Zahlen genannt werden und dann auf die Gründe eingegangen wird, warum sich diese häufig in Studien voneinander unterscheiden. Sehr gelungen ist die Beschreibung der Lese- und Rechtschreibproblematik und hier insbesondere die beiden Infokästen, wo die Symptome für das Lesen und Schreiben praxisnah dargestellt werden.
Es folgt die Darstellung der ätiologischen Faktoren. Neben der Genetik gehen die Autoren insbesondere auf die neuropsychologischen Ursachen ein und geben hier einen kompakten, gut verständlichen Überblick mit zahlreichen Verweisen auf englisch- und deutschsprachige Studien. Auch die psychosozialen Einflussfaktoren (Literacy, schulische Methodik und individuelle emotionale Voraussetzungen) werden dargestellt.

Sehr gelungen sind die Ausführungen zum Unterkapitel “Verlauf”. Hier beschreiben Galuschka und Schulte-Körne, wie sich die LRS-Problematik in der Schule und zu Hause langsam manifestiert und sichtbar wird. Im Anschluss gehen die Autoren noch kurz auf umstrittene Methoden wie Farbfolien und Prismenbrille ein. Ganz interessant sind die Ausführungen zum Einsatz von Medikamenten. Insgesamt werden im ersten Kapitel der aktuelle Stand der Forschung und häufige Diskussions-punkte, wie zum Beispiel die Irlen-Farbfolien oder das doppelte Diskrepanzkriterium, gut zusammengefasst.

Der diagnostische Bereich nimmt von der Seitenzahl her den größten Bereich ein. Hier werden die entsprechenden T-Wertgrenzen genannt (T-Werts ≤ 40) und die multiaxiale Diagnostik erläutert. Sehr ausführlich wird die klinische Untersuchung beschrieben und dargestellt, was genau und auch wa-rum bei den Eltern und der Schule erhoben wird. Zur Orientierung findet sich hier auch über vier Seiten ein sehr ausführlicher Gesprächsleitfaden. Auf mögliche Antworten beispielsweise von den Eltern wird eingegangen und erläutert, was diese für die Diagnostik und Therapie bedeuten. Sehr gut. Ebenfalls sehr genau wird die Abklärung der komorbiden psychischen Begleitsymptomatik, wie z.B. Störungen des Sozialverhaltens oder Angststörungen dargestellt.

Im Folgekapitel finden sich mehrere Tabellen mit empfehlenswerten Testverfahren, die auch kurz beschrieben werden. Für zahlreiche Testverfahren werden auch die Gütekriterien genannt. Ebenfalls recht interessant sind die diagnostischen Entscheidungsbäume. Auch die Diagnostik einer LRS von Kindern mit Deutsch als Zweitsprache wird sehr genau erläutert.
Ein großer eigenständiger Abschnitt nimmt die Beratung der betroffenen Kinder und ihrer Familien ein. Insgesamt kann man zur Diagnostik feststellen, dass diese sehr praxisnah und sehr detailliert beschrieben wird. Dem Rezensenten ist keine weitere Veröffentlichung bekannt, die diesen Prozess so gut und ausführlich darstellt.

Im Vergleich zur Diagnostik fällt der Bereich der Förderung geringer aus. Die Beschreibung der direkten therapeutischen Vorgehensweisen zur Verbesserung des Lesens und Schreibens gehören nicht zum Schwerpunkt des Buches. Allgemeine Förderprinzipien und evaluierte Programme werden jedoch dargestellt. Positiv ist, dass sehr viele weitere wichtige Punkte für die Therapie nicht nur kurz angerissen, sondern ausführlich dargestellt werden. So beschäftigen sich die Autoren u.a. mit dem Nachteilsausgleich, mit der Eingliederungshilfe, mit der häuslichen Förderung und der interdisziplinären Kooperation. Auch hier hat alles Substanz und ist lesenswert.

Im Anhang findet sich noch ein sehr ausführlicher Anamnesefragebogen als Kopiervorlage und ein Muster für ein fachärztliches Attest zur Vorlage bei der Schule.

Insgesamt handelt es sich bei diesem Buch von Schulte-Körne und Galuschka um eine der interessantesten Veröffentlichungen der letzten Jahre in der Rubrik allgemeines Fachbuch. Es besticht durch seine praxisnahen Ausführungen zu zahlreichen Aspekten einer Lerntherapie und beeindruckt durch die detaillierten Hinweise zur klinischen Diagnostik. Dem Buch “Lese-/Rechtschreibstörung (LRS) ” ist im Sinne einer qualitativ guten Therapie für die betroffenen Kinder eine weite Verbreitung zu wünschen.

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Gerd Schulte-Körne & Katharina Galuschka (2019). Lese-/Rechtschreibstörung (LRS). Göttingen: Hogrefe Verlag ISBN-13: 978-3-8017-2721-5.