Legasthenie – Prävalenz

1. Allgemeine Hinweise zur Prävalenz bei Legasthenie

In der Medizin versteht man unter der Prävalenz die Anzahl der Krankheitsfälle einer bestimmten Erkrankung bzw. Häufigkeit eines bestimmten Merkmals zu einem bestimmten Zeitpunkt. Unter der Prävalenzrate versteht man entsprechend die Anzahl der Erkrankten bzw. die Häufigkeit eines Merkmals im Verhältnis zur Anzahl der untersuchten Personen (aus Pschyrembel, 258. Auflage).

Man kann grob davon ausgehen, dass ca. 5 Prozent der Kinder eine Legasthenie aufweisen. Jungen sind von der Legasthenie häufiger betroffen. Bei der Lese-Rechtschreibstörung (Legasthenie) gibt es einen Geschlechtsunterschied zu ungunsten der Jungen, der zwischen 3 zu 1 und 3 zu 2 liegt.

2. Wie kann man die Unterschiede in den einzelnen Studien erklären?

Die berichteten Prävalenzzahlen für die Legasthenie unterscheiden sich je nach Studie recht deutlich. Barbiero et al. (2013) haben einige Gründe für diese unterschiedlichen Zahlen herausgearbeitet. Sie liegen in:

  • den unterschiedlich angewendeten Kriterien für die notwendige Diskrepanz zwischen Intelligenztest und Lesetest bzw. Rechtschreibtest. Diese kann zwischen 1 und 2 Standardabweichungen liegen.
  • den jeweils verwendeten Tests. Einige Lese- und Rechtschreibtests aber auch Intelligenztests fallen etwas leichter (bzw. schwerer) aus, was dann zu unterschiedlichen Häufigkeiten von schlechteren Testwerten führt.
  • im Alter der Probanden. Wird eine entsprechende Testung beispielsweise am Anfang der zweiten Klasse durchgeführt, können die schlechteren Leistungsdaten auch durch eine “Entwicklungsverzögerung bezüglich des schulischen Leistungsvermögens” erklärt werden, die sich in späteren Klassen wieder auflöst.
  • dem Land in dem die Untersuchung durchgeführt wird. In Ländern mit mit einer transparenten Sprache wie z.B. Spanisch, ist das Lesen und Schreiben einfacher zu erlernen, als in anderen Ländern (z.B. USA).
  • in der Region, in der die Prävalenzmessung durchgeführt wird. Studien, die in Großstädten durchgeführt werden, berichten von höheren Prävalenzraten.

Einen großen Einfluss auf die erfassten Häufigkeiten der Legasthenie haben natürlich die verwendeten diagnostischen Kriterien für eine Legasthenie und die verwendeten Tests, die sich in ihrem Schweregrad unterscheiden. Wird zum Beispiel das sehr strenge Kriterium bezüglich der Rechtschreibung von 2 Standarbabweichungen unter dem Mittelwert eines Rechtschreibests verwendet (die Rechtschreibleistung des Kindes muss 2 Standardabweichungen unter dem Mittelwert liegen) wird bei weniger Kindern eine Legasthenie diagnostiziert werden, als wenn die Standardabweichung auf 1,5 reduziert wird. Weiterhin kommt es natürlich auch auf die verwendeteten Tests an, die sich oft in ihren Ergebnissen unterscheiden, obwohl sie das gleiche messen.

3. Studien zur Prävalenz aus Deutschland

Esser (1991) geht bei strengeren Kriterien von einer Prävalenz von 2 bis 4% von Kindern mit einer Lese-Rechtschreibstörung aus. Warnke und Schulte-Körne (2008) gehen von einer Häufigkeit von bis zu 5% aus. Zum Teil werden aber auch etwas höhere Prävalenzdaten angegeben. Warnke (2005) geht auf Basis epidemiologischer Studien von Prävalenzwerten zwischen 4 und 7% aus. Warnke und Niebergall (1997) weisen darauf hin, dass bei ca. 1% der Gesamtbevölkerung eine besonders schwere legasthene Symptomatik vorliegt.

Esser (1991) und Esser und Schmidt (1994) setzten als Kriterien fest, dass die gestörte Rechtschreibleistung mindestens 1½ Standardabweichungen unter dem Mittelwert der Altersgruppe liegen sollte und die Denkfähigkeit – die durch einen Intelligenztest erhoben wird – mindestens 1½ Standardabweichung über der schwachen Rechtschreibleistung liegen sollte. Auf Basis dieser Kriterien finden sie insgesamt 5,6% Kinder,die die Kriterien für die Lese- und Rechtschreibstörung und isolierte Rechtschreibstörung erfüllen.
Nach Warnke (2005) sind in Kinder- und Jugendpsychiatrischen Einrichtungen 8 bis 12% von Legasthenie betroffen.