Legasthenie als Diagnose

1. Die Legasthenie Diagnose

Die Diagnose Legasthenie umschreibt eine eindeutige Beeinträchtigung der Lese- und Rechtschreibfähigkeiten, die in unterschiedlichen Kombinationen auftreten kann (Unterpunkt 2). Da der Lese- und Rechtschreibprozess bei den betroffenen Kindern verzögert stattfindet, zeigen sich in der Regel schon in der ersten Klasse einige Auffälligkeiten (Unterpunkt 3). Wenn die Lese- und Rechtschreibschwierigkeiten einen gewissen Schweregrad aufweisen, kann man eine Lese- und Rechtschreibstörung (Legasthenie) diagnostizieren. Hierfür müssen jedoch bestimmte Kriterien erfüllt sein (Unterpunkt 4). Teilweise lehnen Pädagogen, die Diagnose Legasthenie ab, da sie eine Stigmatisierung von Kindern befürchten (Unterpunkt 5).

2. Die Legasthenie im ICD-10

Im medizinischen Klassifikationssystem ICD-10 wird die Bezeichnung Legasthenie durch den der Lese- und Rechtschreibstörung ersetzt.

Die Diagnostik wird in der Regel von einem Diplompsychologen oder einem Mediziner (in der Regel ein Kinder- und Jugendpsychiater) durchgeführt. Der korrekte Begriff nach dem ICD 10 lautet nicht Legasthenie sondern Lese- und Rechtschreibstörung und wird mit F81.0 kodiert.

Der Begriff der Lese- und Rechtschreibstörung wird häufig auch als Obergriff für verschiedene Unterformen der Störung verwendet. Umgangssprachlich ist der Begriff Legasthenie jedoch verbreiteter und soll auch hier weiter verwendet werden.

Die Legasthenie wird durch folgende Eigenschaften beschrieben:

  • Die Probleme beim Lesen und Schreiben sind nicht durch Probleme beim Sehen oder unangemessene Beschulung erklärbar.
  • In der Regel finden sich Probleme im Lesen und Schreiben.
  • In der Vorgeschichte finden sich häufig Sprachwentwicklungsstörungen.

Im ICD-10 wird zwischen folgenden Diagnosen bzw. Unterformen unterschieden:

1. Lese- und Rechtschreibstörung F81.0
Im Lesen und im Schreiben finden sich jeweils starke Probleme. In Lese- und Rechtschreibtests finden sich deutlich auffällige Werte. Dies stellt die häufigste Unterform dar.

2. Isolierte Rechtschreibstörung F81.1
Es finden sich sehr starke Probleme in der Rechtschreibung, die Lesefertigkeit (wenn auch häufig schwächer) erfüllt jedoch nicht die Kriterien einer Störung.

3. Isolierte Lesestörung
Diese Diagnosevariante der Legasthenie kommt sehr selten vor. Hier zeigen sich große Schwierigkeiten beim Lesen lernen, die Rechtschreibung ist jedoch vergleichsweise unauffällig (bzw. erfüllt nicht Störungskriterien). Im ICD 10 gibt es für diese Legastheniediagnose keine Kodierung.

3. Symptome der Legasthenie in den ersten Klassen

In der Schule zeigen sich im Erstleseunterricht und im Rechtschreibunterricht häufig schon in der ersten Klasse Auffälligkeiten. Bei zahlreichen Schülern wird die Problematik jedoch erst im Laufe der zweiten Klasse offensichtlich.

In der ersten Klasse können sich Schwierigkeiten bei der Aneignung der Buchstaben-Laut-Kombinationen zeigen. Im Lesen kann das Zusammenschleifen der Buchstaben deutliche Probleme machen, sodass bei schweren Formen der Legasthenie beim Lesen eher buchstabiert als gelesen wird. Weiterhin werden beim Lesen zahlreiche Lesefehler begangen und die Lesezeit ist fast immer erhöht.

Die mangelhafte Buchstabensicherheit führt beim Schreiben zu Verwechslungen der Buchstaben und das Auslassen bzw. Hinzufügen von Buchstaben kommt in deutlich stärkerem Ausmaß als bei Mitschülern vor.

In den höheren Klassen zeigen sich im Lesen vermehrte Lesefehler und eine erhöhte Lesezeit und im Rechtschreiben ist die Fehleranzahl deutlich erhöht.

4. Kriterien für die Legasthenie Diagnose

Die Diagnostik für eine Legasthenie findet in der Regel beim Kinder- und Jugendpsychiater statt. Hier werden ein normierter Lese- und Rechtschreibtest sowie ein Intelligenztest durchgeführt. Mithilfe des Lese- und Rechtschreibtests wird festgestellt, ob die berichteten Probleme in einem Ausmaß vorhanden sind, sodass die Diagnose Legasthenie vergeben werden kann. Durch den Intelligenztest kann ausgeschlossen werden, dass die Probleme durch eine mangelhafte Intelligenz zustande kommen. Weiterhin müssen gewisse Werte in den Tests erfüllt werden bzw. dürfen nicht überschritten werden.

Folgende Werte werden bei der Diagnostik häufig verwendet:

  • Zwischen dem IQ-Test und dem Rechtschreib- bzw. Lesetest sollte ein Unterschied von 15 T-Wertpunkten bestehen. Zehn T-Wertpunkte sollten nicht unterschritten werden. Häufig wird von Diagnostikern auch ein T-Wertunterschied von mindestens 12 angegeben.
  • Der Lese- bzw. Rechtschreibwert sollte unter PR 16 liegen. Prof. Warnke gibt an, dass für die Gewährung von Eingliederungshilfe die Lese- bzw. Rechtschreibleistungen nicht über PR 10 liegen sollten. Ein Prozentrang von 10 wird häufig auch als kritischer Wert für die Diagnostik verwendet.
  • Bei IQ-Werten im höheren bzw. im unteren Bereich sollte die Tabelle nach Schult-Körne verwendet werden, die die kritischen Prozentränge auf Basis der gemessenen IQ-Werte mittels eines Regressionsmodells berechnet.

Man sieht, dass in der Praxis unterschiedliche Kriterien Anwendung finden. Interessanterweise finden sich im ICD-10 keine klaren Angaben zu den einzelnen Werten.

5. Stigmatisierung durch die Legasthenie Diagnose

Vereinzelte Pädagogen lehnen die Diagnose der Legasthenie  (bzw. den diagnostischen Prozess) ab, da sie der Überzeugung sind, dies würde Kinder abstempeln und die Kinder würden unter der Diagnose leiden. Weiterhin erhielten nur Kinder mit einer Legasthenie-Diagnose eine entsprechende Förderung, während Kinder, die die Kriterien nicht erfüllen kein spezifisches Training erhielten, was als ungerecht empfunden wird.