Benennungsgeschwindigkeit

Die Benennungsgeschwindigkeit, auf Englisch Rapid Naming oder kurz RAN, ist neben der phonologischen Bewusstheit und dem Arbeitsgedächtnis ein wichtiger Prädiktor für spätere Leseleistungen. So kann kann man auf Basis einer geringen Benennungsgeschwindigkeit im Kindergartenalter eine spätere langsame Lesegeschwindigkeit im Grundschulalter vorhersagen.

Die Benennungsgeschwindigkeit beschreibt wie schnell Buchstaben, Zahlen oder Objekte ausgesprochen werden können, nachdem sie gesehen wurden. Der Prozess beinhaltet die visuelle Verarbeitung, das Erkennen der semantischen Bedeutung, den Abruf der auditiven Information und die entsprechende Sprachproduktion. Sie stellt damit ein Maß für die kognitive Verarbeitungsgeschwindigkeit dar.

Ursprünglich wurde die Benennungsgeschwindigkeit bei Patienten mit erworbenen Hirnläsionen erhoben, um mögliche Verbesserungen bei der Regeneratin sichtbar zu machen.

RAN gilt aber nicht nur als Prädiktor für spätere Leseleistungen, sondern ist auch eine Komponente des phonologischen Defizit der Legasthenie und wird von daher auch als ätiologischer Faktor angesehen. So weisen im Durchschnitt Kinder mit Legasthenie eine geringere Benennungsgeschwindigkeit auf, die insbesondere mit der Lesegeschwindigkeit in Zusammenhang gebracht wird.

Allgemein wird zwischen der alphanumerischen und der nonalphanumerischen Benennungsgeschwindigkeit unterschieden. Zur nonalphannumerischen Erhebung der Benennungsgeschwindigkeit gehört das Benennen von Objekten und Farben und zur alphanumerischen Testung des RAN zahl man das Benennen von Buchstaben und Zahlen. Da das Benennen von Buchstaben auch durch das allgemeine Buchstabenwissen beeinflusst wird sollte bei Kindern mit Legasthenie diese Testvariante nicht durchgeführt werden.

Wissenschaftler von der Universisät in Gothenburg in Schweden um Malena Avall untersuchten, wie stabil die Leistungen im Bereich der Benennungsgeschwindigkeit sind. Sie erhoben Daten von 222 Kindern im Alter zwischen vier und zehn Jahren. Bei der Auswertung zeigte sich, dass je älter die Kinder wurden, sich die Benennungsgeschwindigkeit verbesserte. Der größte Leistungszuwachs zeigte sich zwischen dem vierten und  sechsten Lebensjahr. So reduzierte sich die durchschnittliche Benennungszeit im Alter von vier Jahren von 37,30 Sekunden auf 29,04 Sekunden im Alter von fünf Jahren bis schließlich auf 22,57 Sekunden im Alter von sechs Jahren. Solche vergleichsweise stark ausgeprägten Leistungszuwächse konnten bei den älteren Kindern nicht mehr registriert werden.

In einer weiteren Studie fanden Eloranta et al. (2019) heraus, dass man auf Basis der Benennungsgeschwindigkeit im Kindesalter bei Kindern mit Legasthenie die Leseleistungen im Erwachsenenalter vorhersagen kann. Hier zeigte sich, dass Kinder mit schlechteren RAN-Werten als Erwachsene auch die schlechteren Leser waren, im Vergleich zu Kindern mit besseren RAN-Werten, im Schulalter. Die Benennungsgeschwindigkeit bei Kindern mit Legasthenie korrelierte mit der Lesegeschwindigkeit im Erwachsenenalter in Höhe von 0,29.

Im deutschsprachigen Raum kann die Benennungsgeschwindigkeit entweder mit dem TEPHOBE von Andreas Mayer oder mit dem ZLT-II von Petermann et al. erhoben werden.

Quellen
Avall, M., Wolff, U. & Gustafsson, J.-E. (2019). Rapid automized naming in a developmental perspective between ages 4 and 10. Dyslexia, 25, 360-373

Eloranta, A.-K., Närhi, V.M. Eklung, K.M., Ahonen, T. & Aro, T.I. (2019). Resolving reading disability-childhood pre-dictors and adult-age outcomes. Dyslexia, 25, 20-37.