Benennungsgeschwindigkeit

Die Benennungsgeschwindigkeit, auf Englisch Rapid Automatized Naming oder kurz RAN, ist neben der phonologischen Bewusstheit und dem Arbeitsgedächtnis ein wichtiger Prädiktor für spätere Leseleistungen. So kann kann man auf Basis einer geringen Benennungsgeschwindigkeit im Kindergartenalter eine spätere langsame Lesegeschwindigkeit im Grundschulalter vorhersagen.

Die Benennungsgeschwindigkeit beschreibt wie schnell Buchstaben, Zahlen oder Objekte ausgesprochen werden können, nachdem sie gesehen wurden. Der Prozess beinhaltet die visuelle Verarbeitung, das Erkennen der semantischen Bedeutung, den Abruf der auditiven Information und die entsprechende Sprachproduktion. Sie stellt damit ein Maß für die kognitive Verarbeitungsgeschwindigkeit dar.

Pausen bei der Benennungsgeschwindigkeit wurden als Vorbereitungszeit für die exekutiven Funktionen (z.B. Aussprechen, aber auch Blickbewegung zum nächsten Item) interpretiert (Clarke, Hulme, Snowling, 2005).

Ursprünglich wurde die Benennungsgeschwindigkeit bei Patienten mit erworbenen Hirnläsionen erhoben, um mögliche Verbesserungen bei der Regeneratin sichtbar zu machen.

RAN gilt aber nicht nur als Prädiktor für spätere Leseleistungen, sondern ist auch eine Komponente des phonologischen Defizit der Legasthenie und wird von daher auch als ätiologischer Faktor angesehen. So weisen im Durchschnitt Kinder mit Legasthenie eine geringere Benennungsgeschwindigkeit auf, die insbesondere mit der Lesegeschwindigkeit in Zusammenhang gebracht wird.

Allgemein wird zwischen der alphanumerischen und der nonalphanumerischen Benennungsgeschwindigkeit unterschieden. Zur nonalphannumerischen Erhebung der Benennungsgeschwindigkeit gehört das Benennen von Objekten und Farben und zur alphanumerischen Testung des RAN zahl man das Benennen von Buchstaben und Zahlen. Da das Benennen von Buchstaben auch durch das allgemeine Buchstabenwissen beeinflusst wird sollte bei Kindern mit Legasthenie diese Testvariante nicht durchgeführt werden.

Studien

Wissenschaftler von der Universisät in Gothenburg in Schweden um Malena Avall untersuchten, wie stabil die Leistungen im Bereich der Benennungsgeschwindigkeit sind. Sie erhoben Daten von 222 Kindern im Alter zwischen vier und zehn Jahren. Bei der Auswertung zeigte sich, dass je älter die Kinder wurden, sich die Benennungsgeschwindigkeit verbesserte. Der größte Leistungszuwachs zeigte sich zwischen dem vierten und  sechsten Lebensjahr. So reduzierte sich die durchschnittliche Benennungszeit im Alter von vier Jahren von 37,30 Sekunden auf 29,04 Sekunden im Alter von fünf Jahren bis schließlich auf 22,57 Sekunden im Alter von sechs Jahren. Solche vergleichsweise stark ausgeprägten Leistungszuwächse konnten bei den älteren Kindern nicht mehr registriert werden.

In einer weiteren Studie fanden Eloranta et al. (2019) heraus, dass man auf Basis der Benennungsgeschwindigkeit im Kindesalter bei Kindern mit Legasthenie die Leseleistungen im Erwachsenenalter vorhersagen kann. Hier zeigte sich, dass Kinder mit schlechteren RAN-Werten als Erwachsene auch die schlechteren Leser waren, im Vergleich zu Kindern mit besseren RAN-Werten, im Schulalter. Die Benennungsgeschwindigkeit bei Kindern mit Legasthenie korrelierte mit der Lesegeschwindigkeit im Erwachsenenalter in Höhe von 0,29.

Ulrika Wolf (2014) von der Universität in Götheburg wollte wissen, inwieweit RAN und die phonologische Bewusstheit Prädiktoren für die Lesegeschwindigkeit, das Leseverständnis und die Rechtschreibung sind. Untersucht wurden Schüler mit Leseproblemen, die in die dritte Klasse gingen. Hinsichtlich der Vorhersage der Lesewerte zeigte sich, dass die Leistungen im Leseverständnistest durch die phonologische Bewusstheit vorhergesagt werden konnten, nicht jedoch durch die RAN-Werte. Die Lesegeschwindigkeit hingegen konnte nur durch die RAN-Werte vorhergesagt werden und nicht durch die phonologische Bewusstheit. Weiterhin gingen gute Leistungen in der phonologischen Bewusstheit mit vergleichsweise besseren Leistungen im Rechtschreiben einher, während hier auf Basis der RAN-Werte keine Prognosen durchgeführt werden konnten.

Auch Park und Lombardino (2013) untersuchten den Einfluss der phonologischen Bewusstheit, des schnellen Benennens und einer visuellen Verarbeitungsaufgabe (ebenfalls ein Indikator für die Verarbeitungsgeschwindigkeit) auf die Lesefertigkeit. An der Studie nahmen Kinder mit diagnostizierter Legasthenie aus zwei Altersgruppen teil, nämlich Kinder zwischen 6 und 8 Jahren und Kinder zwischen 10 und 15 Jahren. Bei den RAN-Tests bearbeiteten die Teilnehmer zwei Aufgaben, nämlich eine mit visuell-motorischen Anteilen, bei denen auf einem Arbeitsblatt gleiche Ziffern gekennzeichnet werden müssen und einen typischen RAN-Test, bei dem Farben, einfache Objekte und Zahlen benannt werden müssen. Bei den jüngeren Kindern korrelierten insbesondere die visuelle Verarbeitungsaufgabe und das schnelle Benennen mit dem Lesen in Höhe von 0,5 und 0,54. Die Zusammenhänge waren statistisch signifikant, die phonologische Bewusstheit korrelierte mit den Lesewerten nicht. Bei den älteren Kindern zeigten sich ebenfalls statistisch signifikante Korrelationen zwischen den Tests zur Verarbeitungsgeschwindigkeit und den Lesewerten, die zwischen 0.34 und 0.58 lagen.

Diagnostik

Im deutschsprachigen Raum kann die Benennungsgeschwindigkeit entweder mit dem TEPHOBE von Andreas Mayer oder mit dem ZLT-II von Petermann et al. erhoben werden.

Quellen
Avall, M., Wolff, U. & Gustafsson, J.-E. (2019). Rapid automized naming in a developmental perspective between ages 4 and 10. Dyslexia, 25, 360-373

Clarke P, Hulme C, Snowling MJ. (2005). Individual differences in RAN and
reading: a response timing analysis. Journal of Learning Disabilities, 28, 73-86

Eloranta, A.-K., Närhi, V.M. Eklung, K.M., Ahonen, T. & Aro, T.I. (2019). Resolving reading disability-childhood pre-dictors and adult-age outcomes. Dyslexia, 25, 20-37.

Park, H. & Lombardino, L.J. (2013). Relationships among cognitive deficits and component skills of reading in younger and older students with developmental dyslexia. Research in Developmental Disabilities, 34, 2946-2958.

Wolf, U. (2014). RAN as a predictor of reading skills, and vice versa: results from a randomized reading intervention. Annals of Dyslexia, 64, 151-165.