Therapie der Legasthenie

Die folgenden Ausführungen sind eher praxisorientiert gehalten und beziehen sich auf eine ambulante Einzeltherapie die wöchentlich durchgeführt wird. Die Therapieplanung bei Legasthenie und damit der Ablauf der therapeutischen Interventionen im Funktions- und psychischen Bereich sollte sich an der

  • Rechtschreibstufe des Kindes,
  • der Fehleranalyse
  • und den psychischen Bedürfnissen des Kindes orientieren.

So ist zu klären, ob besonderes kleine Lernschritte notwendig sind, wie der Ausprägungsgrad der Frustrationstoleranz ist, ob eine ausreichende Aufmerksamkeit vorliegt oder ob krisenhafte Zuspitzungen zuerst bearbeitet werden müssen (z.B. zwischen Lehrer und Kind oder Lehrer und Eltern oder Eltern und Kind oder auch zwischen dem Klienten und seinen Klassenkameraden).

Förderung des Rechtschreibens

Eine grobe Einteilung der grundlegenden therapeutischen Strategien kann anhand des Stufenmodells von Frith erfolgen, welche die Rechtschreibentwicklung von Kindern häher beschreibt.

Kinder, die noch Schwierigkeiten bei den Laut-Grafem-Verbindungen aufweisen, können diese spielerisch mit den Budenberg Programmen am PC einüben. Auch die Lernkartei kann hier eingesetzt werden, indem beispielsweise sehr einfach Wörter mit dem zu lernenden Buchstaben ausgewählt werden und diese dann mit der Lernkartei geübt werden. Zur Festigung der Laut-Grafem-Verbindung können weiterhin auch die Tabellen des Kieler Leseaufbaus herangezogen werden.

Kinder, die deutliche Probleme auf der alphabetischen Stufe aufweisen, sollten kein Orthografietraining durchführen, sondern erst die alphabetische Rechtschreibstufe ausreichend erleren. Auch kann bei Kindern mit Legasthenie auf dieser Rechtschreibstufe im Einzelfall noch ein Training der phonologischen Bewusstheit indiziert sein. Kinder, die sich auf der alphabetischen Stufe befinden (also noch nicht lautgetreu schreiben können), können insbesondere vom Erlernen des synchronen Sprechschreibens profitieren. Häufig verwendete Wörter (z.B. fahren) sollten zusätzlich mit der Lernkartei geübt werden. Bei  jüngeren Kindern (1. und 2. Klassenstufe) sollte die Anzahl der Wörter in der Lernkartei auf 10 reduziert werden.

Bei Kindern, die Mängel auf der orthografischen Stufe aufweisen, kann gut das Marburger Rechtschreibtraining eingesetzt werden, welches ein komplettes Therapieprogramm mit ausgearbeiteten Stundenabläufen bietet. Alternativ können die kostenlosen Münchner Regelblätter eingesetzt werden. Hier müssen jedoch die Übungen vom Therapeuten selbst zusammengestellt werden. Parallel sollte auch mit der Lernkartei geübt werden, von der alle Kinder profitieren. Eine Erweiterung der Münchner Regelblätter durch Übungen und ein PC-Übungsprogramm stellt das Münchner Rechtschreibtraining von Mohr dar. Empfehlenswert ist auch das Therapieprogramm von Reuter-Liehr.

Beim Training auf der orthografischen Stufe sollte insbesondere auf die Anwendung der orthografischen Regeln / Lösungsstrategien / Merksätze hingearbeitet werden. Dies kann gegen Therapieende auch durch kleine Diktate unterstützt werden, bei denen die Kinder das Erlernte flexibel anwenden müssen.

Einige Therapeuten berichten auch von guten Ergebnissen mit morphemorientierten Ansätzen, also Übungen auf der morphematischen Stufe. Diese werden im therapeutischen Alltag jedoch noch eher selten eingesetzt. Empirische Studien sind hier dringend erforderlich. Ein Therapeprogramm, welches den morphemorientierten Ansatz verwirklicht, ist das Therapieprogramm REMO von Walter, welches über die Testzentrale bezogen werden kann.

Förderung des Lesens

Zur Verbesserung des Lesens sollte insbesondere bei jüngeren Kindern zu Beginn noch einmal überprüft werden (z.B. durch die alte Version des Zürcher Lesetest) ob alle Buchstaben beherrscht werden. Bei sehr schwachen Lesern und Leseanfängern kann der Kieler Leseaufbau verwendet werden. Auch bei älteren Kindern ist die Verwendung der Tabellen des Kieler Leseaufbaus noch sinnvoll. Diese werden eingesetzt, um häufig vorkommende Silbenkombinationen schneller zu Erkennen und die entsprechenden Lautkombination abrufen zu können (Stichwort schnelles Benennen = Rapid Naming). Ein erstes Trainingprogramm, dass diese Komponente explizit trainiert ist das Programm BLIWO.

Werden die Buchstaben beherrscht, wird jedoch noch buchstabenweise gelesen, muss das Zusammenschleifen gelernt werden. Hierfür werden einfache Wörter ohne Stoppkonsonanten verwendet (z.B. Lama, Lisa, Samen, rennen). Das Kind bekommt die Aufgabe einen Buchstaben solange auszusprechen, bis es weiß, wie der Buchstabe nächste ausgesprochen wird. Ist dies der Fall, “schleift” das Kind den einen mit dem anderen Buchstaben zusammen.

Um insbesondere die Fehlerzahl zu verringern, sollten die Kinder die Technik des segmentierenden Lesens erlernen. Diese können sich an Silben oder eine gewisse Buchstabenanzahl orientieren. Von Gero Tacke stammen entsprechende Trainingsprogramme. Es gibt aber auch sehr gute Umsetzungen am PC. Der segementierende Lesestil sorgt dafür, dass langsamer gelesen wird, kleinere Wortsegmente “dem Gehirn” präsentiert werden wodurch sich die Fehlerzahl zum Teil deutlich verringert. Der Finger sollte insbesondere zu Beginn unterstützend eingesetzt werden. Entscheidend ist, dass die Kinder die Wörter nicht mehr raten. Mit zunehmernder Therapiedauer sollen dann nur noch schwer zu erlesende Wörter segmentiert werden. Von diesem Vorgehen profitieren in der Regel alle Kinder, insbesondere “Schnellleser” mit zahlreichen Fehlern.

Nachdem in der Therapie die ersten “Lesehürden” (z.B. Zusammenschleifen von Buchstaben, richtiges Segmentieren, Erlernen eines genauen Lesestils) genommen wurden, sollt auch zu Hause regelmäßig geübt werden, um adäquate Therapiefortschritte zu erzielen. Bei der Durchführung eines Lesetrainings (lautes Lesen!) sollten tendenziell eher sehr leichte Texte verwendet werden, um das Kind nicht zu überfordern. Weiterhin sollte die tägliche Lesezeit zu Beginn nicht mehr als 5 Minuten betragen, die schrittweise auf 10 Minuten gesteigert werden kann.

Behandlung der psychischen Begleitsymptomatik

Zur Behandlung der psychischen Begleitsymptomatk muss natürlich eine genaue Diagnostik durchgeführt werden. Fragebögen wie der DTK von Rossmann oder der AFS können dabei hilfreich sein, wesentliche Problembereiche nicht zu übersehen. Im Einzelfall können hier Entspannungsübungen (z.B. progressive Muskelrelaxation), kognitive Maßnahmen zur Steigerung des Selbstwertgefühls (z.B. Fokussierung auf eigene Stärken, bzw. die Fortschritte im Lesen und Schreiben im Rahmen der Therapie) oder gängige Maßnahmen der Verhaltenstherapie zum Verhaltensaufbau, um Fortschritte beispielsweise bei der Mitarbeit in der Schule oder bei der Bearbeitung der Hausaufgaben zu erreichen.

Sehr wichtig ist auch eine Abklärung, ob beim Kind ein ADHS vorliegt, dass sich auf die Lese-Rechtschreibfertigkeit des Kindes, die Interaktion zwischen Eltern- und Kind und das gesamte Verhalten des Kindes auswirkt. Bei dem Vorliegen einer entsprechenden Problematik müssen unbedingt professionelle Maßnahmen erfolgen.

Allgemeine Wirkfaktoren in der Therapie

Immer anzuwenden sind positive verbale Verstärkungstechniken bei der Bearbeitung von Aufgaben aus dem Funktionsbereich. Interaktionelle Probleme des Klienten mit Gleichalterigenkönnen meist erfolgreich im Sinne eines Problemlösetrainings bearbeitet werden.

Elementar für eine effektive Durchführung therapeutischer Techniken ist eine gute therapeutische Beziehung, die mit Hilfe der Realisierung der therapeutischen Basisvariablen erzielt werden kann. Dem Beziehungsaufbau innerhalb einer Therapiestunde muss (insbesondere zu Therapiebeginn) ausreichend Zeit eingeräumt werden.

Auch die Elternarbeit stellt in einer professionellen Therapie einen wichtigen Baustein dar. Insbesondere hier können Ansatzpunkte zur Veränderung der meist auffälligen Hausaufgabensituation entwickelt und entsprechende Interventionen durchgeführt werden. Einige therapeutische Interventionsmethoden finden sich im THOP von Döpfner et al., die nicht nur bei einem vorhandenen ADHS sinnvoll eingesetzt werden können.