Rezension: Der orthografische Fehler von Katja Siekmann und Günther Thomé

Titelbild des BuchesDie Theorie, dass es legastheniespezifische Fehler gebe, an denen man Kinder mit einer Lese- Rechtschreibstörung erkennen könne, ist mittlerweile widerlegt und gehört in die 70er und frühen 80er Jahre des letzen Jahrhunderts. Die Durchführung einer qualitativen Fehleranalyse der Rechtschreibfehler zu Beginn der Therapie gehört jedoch zu den empfohlenen Vorgehensweisen. So ist es möglich, einen individuellen Therapieplan mit spezifischen Trainingsschwerpunkten festlegen zu können. Um eine Fehleranalyse effektiv durchführen zu können, ist weiterhin spezifisches Wissen um die verschiedenen Fehlertypen notwendig.

Spezifische Fachbücher zu Fehlern in der Rechtschreibung sind eher selten, doch ist vor kurzem im Verlag des “Instituts für sprachliche Bildung” ein entsprechendes Fachbuch erschienen. Der Titel lautet “Der orthografische Fehler” und will, laut Klappentext, einen Überblick über die orthographische Fehlerforschung
seit ihren Anfängen von vor 100 Jahren bieten. Außerdem sollen einige standardisierte Tests und qualitativentwicklungsorientierte Fehleranalysen vorgestellt werden.

Die Autoren sind Katja Siekmann und Günther Thomé. Katja Siekmann ist Junior-Professorin an der Universität Münster und veröffentlichte bisher einige Beiträge zum Rechtschreiberwerb. Prof. Günther Thomé ist Mitautor der Oldenburger Fehleranalyse, arbeitet an der Goethe Universität in Frankfurt und führt
aktuell eine gemeinsame Studie mit Prof. Schulte-Körne aus München zur Veränderung von Hirnfunktionen beim Lesen und Schreibenlernen durch.

Das Buch von Siekmann und Thomé weist drei große Teile auf. Im ersten Teil wird die frühe orthographische Fehlerforschung dargestellt, im zweiten Teil wird auf die einzelnen Phasenmodelle des Orthographie-Erwerbs eingegangen und der dritte Teil widmet sich den aktuellen Diagnoseinstrumenten zur Fehleranalyse.

Nach der Einleitung folgt das zweite Kapitel, das mit “Frühe orthografische Fehlerforschung” überschrieben ist. Es beinhaltet sehr ausführliche und verständliche Beschreibungen der Fehlerarten nach Weimer und Kern (Stichwort Wortbildtheorie) und des schon etwas moderneren bzw. brauchbareren Fehlersystems
nach Bischoff. Bischoff unterscheidet nach visuellen Fehlern (z.B. Dehnungs-h), akusto-motorischen Fehlern (Verstöße gegen die Schreibung ähnlich klingender Mitlaute)
und logischen Fehlern (z.B. Mitlautverdopplung oder Groß- und Kleinschreibung).

Es folgt ein Unterkapitel zu den sogenannten anwendungsorientierten Fehlersystemen, mit denen die Schreibleistungen einzelner Schüler sortiert werden sollen. Siekmann und Thomé gehen hier insbesondere auf die Fehlertypologie von Müller ein und weisen den Leser darauf hin, dass diese Typologie die Grundlage für die DRT-Tests gewesen sei.

Die bisherigen von den beiden Autoren dargestellten Fehlersysteme basierten auf der sogenannten psychologisch-ätiologischen Fehlerforschung, dieser folgt nun die Darstellung der deskreptiv- quantifizierenden Fehlerforschung. Hier findet sich auf knapp 25 Seiten das Fehlersystem von Placet, die Fehlertypologie von Riehme & Heidrich und die Fehlerkategorien von Menzel. Auf der Basis quantitativer Methoden wurde hier zusätzlich ermittelt, wie häufig ein Fehler einer bestimmten Kategorie vorkommt. So stellte Placet in einer Studie neun Fehlerbereiche fest, wobei die Groß- und Kleinschreibung am häufigsten vorkam und die Verwechslung ähnlich klingender
Konsonanten (f/v) am seltensten. Im Rahmen der Darstellung der Fehlergruppen nach Riehme und Heidrich konnten die Autoren eine äußerst interessante Tabelle in Ihrem Buch abdrucken, nämlich die Häufigkeit der einzelnen Fehlertypen (z.B. Konsonantenverdopplung) von der vierten bis zur 10. Klasse.
Kapitel drei ist mit “Orthographiesystematik und Entwicklungsorientierung der Fehlerforschung” überschrieben. Hier finden sich, sehr ausführlich dargestellt, das Stufenmodell des Lesen und Schreibenlernens nach Frith, die Niveaustufen im Schreiblernprozess nach Dehn und die Entwicklungsphasen nach Eichler. Wer also schon immer etwas mehr über die Stufen nach Frith (alphabetische Stufe, orthografische Stufe und morphematische Stufe) erfahren wollte als die Informationen, die in den
die kurzen Absätzen in den gängigen Legasthenie-Fachbüchern stehen, findet hier die richtige Lektüre. Sehr gut.

Das vierte Kapitel trägt den Titel “Aktuelle Instrumente und Verfahren zur Fehler- und Förderanalyse”. Hier finden sich noch einmal die Gütekriterien für Tests (Validität und Reliabilität) und schließlich eine sehr ausführliche Beschreibung des HSP. Auch auf die mittlerweile angebotene Online-Testung von
Peter May gehen Siekmann und Thomé kurz ein. Ausführlich wird auch die Rechtschreibfehler-Analyse (AFRA) vorgestellt, mit deren Hilfe man die gängigen Rechtschreibtests (z.B. WRT, SLRT, HSP) mittels 16 Fehlerkategorien analysieren kann. Im Anschluss folgt noch die Darstellung der Oldenburger Fehleranalyse, mit deren Hilfe man mittels frei geschriebener Texte (z.B. Aufsätze) eine qualitative und quantitative Analyse durchführen kann. Zum Schluss des Buches gibt es noch zwei kurze
Kapitel zur Legasthenie und zum Orthographie-Erwerb in Deutsch als Zweitsprache.

Wer tiefer in die Fehleranalyse einsteigen will und einen guten Überblick über frühere Einteilungen und aktuelle Systematiken wünscht, dem kann das Buch von Siekmann und Thomé nur empfohlen werden. Dem Rezensenten ist jedenfalls kein vergleichbares Buch bekannt. Gelungen sind in dem Buch von Siekmann und Thomé auch die guten Ausführungen zu den verschiedenen Phasenmodellen. Die ausführlichen Erläuterungen zu HSP, AFRA und der Oldenburger Fehleranalyse runden den guten Eindruck des Buches ab. Weiterhin wird auf aktuelle Diskussionen (z.B. lernt man Schreiben durch Lesen?) am Rande eingegangen. Die Sprache der Autoren ist gut lesbar. Einziger Kritikpunkt: Das Layout des Buches ist sehr einfach gehalten und die Schrift eventuell etwas zu groß. Eine der ersten sehr guten Veröffentlichungen im Jahre 2012.

Katja Siekmann & Günther Thomé (2012). Der orthografische Fehler. Oldenburg: isb. Verlag. ISBN-13: 978-3-942122-07-8

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Rezension ist zuerst im Journal für Legasthenietherapie Ausgabe 02/2012 erschienen.