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ADHS in den Klassifikationssystemen

1. Überblick

ADHS ist die Abkürzung für Aufmerksamkeitsdefit/Hyperaktivitätsstörung. Sie zählt zu den am häufigsten diagnostizierten Störungen im Kinder- und Jugendbereich. Die Prävalenz beträgt ca. 5 Prozent.

Aufmerksamkeitsstörungen beschreiben ein unaufmerksames Verhalten wodurch die Betroffenen in ihrer Leistungsfähigkeit und ihrem psychosozialen Verhalten deutlich eingeschränkt sind. Kinder mit der entsprechenden Störung weisen häufig schlechte Schulleistungen auf, erreichen teilweise nicht das Klassenziel, die Interaktionen zwischen Eltern und Kind sind häufig belastet und im unbehandelten Zustand kann es zur Entwicklung weiterer psychischer Störungen kommen.

Neben dem Symptomkomplex der geringen Aufmerksamkeit und Ausdauer gehört zu den Aufmerksamkeitsstörungen häufig auch hyperaktives und impulsives Verhalten. Nicht immer ist jedoch die hyperaktive oder impulsive Komponente vorhanden. Der Begriff Aufmerksamkeitsstörungen wird in der Praxis ? und auch hier - als Oberbegriff für die verschiedenen Subtypen von Aufmerksamkeitsstörungen verwendet.

Wichtig für die Diagnostik und die Einleitung therapeutischer Interventionen ist die Unterscheidung zwischen dem Vorhandensein von Hyperaktivität oder dem Fehlen des hyperaktiven Verhaltens. Besteht zusätzlich zur Aufmerksamkeitsproblematik hyperaktives Verhalten spricht man von ADHS, fehlt die hyperaktive Komponente spricht man ADS.

In der Therapie wird häufig eine medikamentöse Behandlung durchgeführt, die zu einer deutlichen Verringerung der Symptomatik führt. Weiterhin existieren verschiedene psychotherapeutische Interventionsverfahren, die am Kind selbst wie auch bei der Eltern-Kind-Interaktion ansetzen.

 

2. ADHS im DSM-IV

Im DSM-IV (Wittchen, Saß & Zaudig, 1996) wird die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung durch Kriterien aus den Bereichen Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität definiert. Soll eine Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung diagnostiziert werden, gelten für die Symptome, dass diese

  • seit mindestens sechs Monate bestehen
  • nicht mit dem Entwicklungsstand des Kindes zu vereinbaren sind und
  • als unangemessen zu beurteilen sind

Nicht alle Kinder zeigen gleichzeitig Auffälligkeiten in allen drei Problembereichen. Einige Kinder weisen eine starke Hyperkativität auf, zeigen jedoch nur eine geringe Aufmerksamkeit. Weiterhin gibt es Kinder, deren Unaufmerksamkeit stark ausgeprägt ist, die jedoch keinerlei Hyperaktivität oder impulsives Verhalten zeigen. Diese Kinder unterscheiden sich in ihrem Verhalten deutlich werden jedoch alle mit der Diagnose Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung bedacht. Um eine genauere Beschreibung dieser Subgruppe vorzunehmen können im DSM-IV von daher Suptypen bestimmt werden:

  • Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung, Mischtypus
  • Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung bei vorherrschender Unaufmerksamkeit
  • Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung bei vorherrschender Hyperaktivität Impulsivität

Weiterhin kann eine ?Teilremittierte Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktvitätsstörung? und eine ?Nicht näher bezeichnete Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung? diagnostiziert werden. Unter letzterer Diagnose werden Kinder, Jugendliche und Erwachsene zusammengefasst, die einige Symptome der Störung zeigen, jedoch nicht die erforderliche Anzahl der Kriterien aufweisen.

 

Der Bereich der Unaufmerksamkeit ist durch folgende Kriterien definiert:

  1. beachtet häufig Einzelheiten nicht oder macht Flüchtigkeitsfehler bei den Schularbeiten, bei der Arbeit oder anderen Tätigkeiten,
  2. hat oft Schwierigkeiten, längere Zeit die Aufmerksamkeit bei Aufgaben oder Spielaktivitäten aufrechzuerhalten,
  3. scheint häufig nicht zuzuhören, wenn andere ihn/sie ansprechen,
  4. führt häufig Anweisungen anderer nicht vollständig aus und kann Schularbeiten, andere Arbeiten oder Pflichten am Arbeitsplatz nicht zu Ende bringen (nicht aufgrund oppositionellen Verhaltens oder von Verständnisschwierigkeiten),
  5. hat häufig Schwierigkeiten, Aufgaben oder Aktivitäten zu organisieren,
  6. vermeidet häufig, hat eine Abneigung gegen oder beschäftigt sich häufig nur widerwillig mit Aufgaben, die längerandauernde geistige Anstrengungen erfordern (wie Mitarbeit im Unterricht oder Hausaufgaben),
  7. verliert häufig Gegenstände, die er/sie für Aufgaben oder Aktivitäten benötigt (z.B. Spielsachen, Hausaufgabenhefte, Stifte, Bücher oder Werkzeug),
  8. lässt sich öfter durch äußere Reize leicht ablenken,
  9. ist bei Alltagstätigkeiten häufig vergesslich.

 

Folgende Kriterien sind dem Bereich Hyperaktivität und Impulsivitä zugeordnet, wobei die Kriterien 1-6 Hyperaktivität und die Kriteren 7-9 Impulsivität umschreiben:

 

  1. zappelt häufig mit Händen oder Füßen oder rutscht auf dem Stuhl herum,
  2. steht in der Klasse oder in anderen Situationen, in denen Sitzenbleiben erwartet wird, häufig auf,
  3. rennt häufig umher oder klettert exzessiv in Situationen, in denen Sitzenbleiben erwartet wird, häufig auf,
  4. hat häufig Schwierigkeiten, ruhig zu spielen oder sich mit Freizeitaktivitäten ruhig zu beschäftigen,
  5. ist häufig ?auf Achse? oder handelt oftmals, als wäre er/sie ?getrieben?,
  6. redet häufig übermäßig viel,
  7. platzt häufig mit Antworten heraus, bevor die Frage zu Ende gestellt ist,
  8. kann nur schwer warten, bis er/sie an der Reihe ist,
  9. unterbricht und stört andere häufig (platzt z.B. in Gespräche oder Spiele anderer hinein).

Für beide Bereiche gilt, dass mindestens 6 Kriterien zutreffen müssen, dass Unaufmerksamkeit bzw. Hyperaktivität und Impulsivität diagnostiziert werden darf.

Weiterhin müssen einige Symptome schon vor dem siebten Lebensjahr aufgetreten sein, und aktuell in mindestens zwei Lebensbereichen auftreten. Eine Aufmerksamkeitsstörung darf jedoch nicht diagnostiziert werden, wenn Verhaltensauffälligkeiten durch andere Störungen bedingt sind, wie beispielsweise Teilleistungsstörungen (Lese-Rechtschreibstörung, Dyskalkulie), depressive Störungen, Angststörungen, psychotische Störungen oder autistische Störungen.

Weiterhin wird für die Diagnose einer Hyperaktivitäts-Aufmerksamkeitsstörung eine deutliche Beeinträchtigung der sozialen, schulischen oder beruflichen Leistungsfähigkeit gefordert.

 

3. Diagnosekriterien des ICD-10

Die Kriterien des ICD-10 (Weltgesundheitsorganisation, 1991) unterscheiden sich nur geringfügig von denen des DSM-IV, doch wird hier anders als beim DSM-IV keine weitere Unterteilung in Subtypen vorgenommen. Auch findet sich hier keine Kriterienliste und das notwendige Vorhandensein einer gewissen Anzahl erfüllter Kriterien. Stattdessen wird die Symptomatik auf der Verhaltensebene beschrieben.

Im ICD-10 wird bei Erfüllung der entsprechenden Merkmale die Diagnose ?Einfache Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung? vergeben, die mit F90.0 kodiert wird. Für das Vergeben der Diagnose müssen eine beeinträchtigte Aufmerksamkeit und Hyperaktivität vorhanden sein.

Hier die Beischreibung der beeinträchtigte Aufmerksamkeit:

  • Aufgaben werden vorzeitig abgebrochen und Tätigkeiten nicht beendet
  • Die Kinder wechseln häufig von einer Aktivität zur anderen, wobei sie anscheinend das Interessean einer Aufgabe verlieren
  • Die Ausdauerdefizite und die geringe Ausdauer sind im Verältnis zum Alter und Intelligenzniveau des Kindes sehr stark ausgeprägt.

Beschreibung der Hyperaktivität (dort teilweise auch als Überaktivität bezeichnet):

  • exzessive Ruhelosikgkeit in Situationen, die relative Ruhe verlangen.
  • Herumlaufen oder Herumspringen oder Aufstehen in Situationen, in denen dazu aufgefordert wurde sitzenzubleiben.
  • Ausgeprägte Redseligkeit oder Zappeln.

Die folgenden Merkmale findet man gelegentlich bei ADHS und unterstützen die Diagnose:

  • Distanzlosigkeit in sozialen Beziehungen
  • Unbekümmertheit in gefährlichen Situationen
  • Einmischung in und Unterbrechung von Aktivitäten anderer
  • vorschnelles Beantworten noch nicht vollständig gestellter Fragen

Soll die Diagnose einer Einfachen Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung vergeben werden muss die Symptomatik vor dem sechsten Lebensjahr begonnen haben. Finden sich neben den Merkmalen der einfachen Aufmerksamkeits- und Aufmerksamkeitsstörung wiederholende und andauernde dissoziale, aggressive oder aufsässige Verhaltensweisen muss die Diagnose ?Hyperkinetische Störung des Sozialverhaltens? vergeben werden, die mit F90.1 kodiert wird.

 

 

Literaturtipps

Als aktuelles (kinder- und jugendpsychiatrisches) Fachbuch zum Thema, kann das "Praxishandbuch ADHS"  von Kahl, Puls und Schmid empfohlen werden. Als Literaturtipp für Fachleute kann das Nachschlagewerk "Handbuch Psychopharmaka im Kindes- und Jugendalter" von Bandelow et al. aus dem Jahr 2006 empfohlen werden, das äußerst detailliert und mit zahlreichen Hinweisen aus der Praxis über die medikamentöse Behandung bei ADHS berichtet.

Inhaltlich verwandte Texte

Diagnostik - Text über die Diagnostik bei ADHS
Psychotherapie - Darstellung der psychotherapeutischen Therapiemanuale 

Genannte Quellen

Dilling, H. Mombour, W. & Schmidt, M.H. (2004). Internationale Klassifikation psychischer Störungen. ICD-10. Bern: Huber-Verlag. ISBN-13: 978-3456841243 978-3456841243

Saß, H. Wittchen, H.-U. & Zaudig, M. (2003). Diagnostische Kriterien (DSM-IV). Göttingen: Hogrefe Verlag.
ISBN-13:
978-380176615

 

 

 

 


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